{"id":175,"date":"2024-04-04T11:14:36","date_gmt":"2024-04-04T09:14:36","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/?p=175"},"modified":"2024-04-04T11:24:18","modified_gmt":"2024-04-04T09:24:18","slug":"marsalek-und-kern-die-nebenhandlung-zur-spionageaffare","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/?p=175","title":{"rendered":"Marsalek und Kern \u2013 die Nebenhandlung zur Spionageaff\u00e4re"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In vielen Theaterst\u00fccken von Shakespeare bis Nestroy sind neben der oft tragischen Haupthandlung noch parallele Handlungsstr\u00e4nge zu finden, die der Auflockerung dienen. Die \u201eSidekicks\u201c von Sancho Pansa bis zu Hadschi Halef Omar sind eine literarische Tradition.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Eine solche Nebenhandlung gibt es auch zur Spionageaff\u00e4re, die in \u00d6sterreich gerade stattfindet, zur Geschichte um den russischen Spion im BVT. Bei der Nebenhandlung geht&#8217;s um die Auftragsvergabe der \u00d6BB an die Wirecard f\u00fcr die Zahlungsabwicklung im Ticketshop.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es ist bezeichnend, dass sowohl die Aufkl\u00e4rung der wirtschaftlichen Betrugsmasche bei Wirecard wie auch die nun erfolgte Festnahme des BVT-Spions beide nach Hinweisen aus dem angels\u00e4chsischen Raum erfolgt sind. In \u00d6sterreich selbst, so muss man leider feststellen, sind die Korruption und die Misswirtschaft so verbreitet, dass v\u00f6llig aus der Proportion geratene Ausgaben und G\u00fcnstlingswirtschaft, also die Finanzierung von v\u00f6llig \u00fcberteuerten Leistungen \u00fcber den Apparat der staatsnahen Wirtschaft, schon lange niemandem mehr auffallen. So \u00fcblich ist es in \u00d6sterreich, dass die Staatsbetriebe, insbesondere die \u00d6BB, alle Leistungen schlecht und unvern\u00fcnftig einkaufen und viel zu viel Geld daf\u00fcr ausgeben, dass hierzulande kein Hahn danach kr\u00e4ht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Fakten sind schnell erz\u00e4hlt: Im Jahr 2009 hat die \u00d6BB die Erstellung eines Fahrkartensystems, also einer umfangreichen einzelangefertigten spezialisierten Software f\u00fcr den gesamten Fahrkartenvertrieb der \u00d6BB, um \u20ac 17 Millionen (teilweise) an Externe vergeben.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil es die \u00d6BB war, die das vergeben hat, ist letztlich nichts Sinnvolles dabei herausgekommen, aber das ist an anderer Stelle noch ausf\u00fchrlicher zu besprechen. Bei kompetentem Auftraggeber, was die \u00d6BB nicht war, w\u00e4ren die 17 Millionen ein durchaus angemessener Preis gewesen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Weil bei dem ganzen Projekt jahrelang nichts weitergegangen und herausgekommen ist und sich die Misere immer schlechter vor der \u00d6ffentlichkeit verbergen lie\u00df, geriet Christian Kern, der die verfehlte Projektumsetzung zu verantworten hatte, doppelt unter Druck. Einerseits war zu bef\u00fcrchten, dass er sich irgendwann f\u00fcr die vielen uninformierten Fehlentscheidungen w\u00fcrde rechtfertigen m\u00fcssen. Es gibt Grenzen der Unf\u00e4higkeit; auch ein Konzernchef, der weder technisch noch wirtschaftlich kompetent ist, muss gewisse Probleme erkennen und darauf reagieren k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und andererseits war dieses Projekt, das Fahrkartensystem, als gro\u00dfes Renommierprojekt der \u00d6BB nach au\u00dfen vorgesehen. Es war dazu bestimmt, Christian Kern einen guten Ruf als Manager zu verschaffen und ihn f\u00fcr h\u00f6here Weihen zu empfehlen. Auch wenn es m\u00f6glicherweise sp\u00e4ter gelingen w\u00fcrde, die Verantwortung f\u00fcr den Fehlschlag zu verw\u00e4ssern und dem Rechnungshof die wesentlichen Details vorzuenthalten, war das Projekt damit noch lange nicht geeignet, als Steigb\u00fcgel des gro\u00dfen Zampanos herzuhalten. Eine gl\u00e4nzende Oberfl\u00e4che musste her.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Darum hatten sich in Jan Marsalek und Christian Kern zwei gefunden, die einander gegenseitig brauchten: Der eine (Kern) brauchte eine gl\u00e4nzende Oberfl\u00e4che, die beim neuen Ticketshop wenigstens nach au\u00dfen, f\u00fcr die auf bunte Bilder und sch\u00f6ne Designs fixierte \u00d6ffentlichkeit, absolute Kompetenz und Exzellenz vorspiegelte. Dazu war die Partnerschaft mit dem neuen Stern am Himmel der Zahlungsanbieter, der Wirecard, gerade recht.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Der andere (Marsalek) brauchte f\u00fcr seine Firma Geld, einige Auftr\u00e4ge mit guter Marge, um das Phantomgesch\u00e4ft in Asien geschickter zu kaschieren. Er brauchte aber vor allem auch gute Kontakte in die Politik, um bei seinen Umtrieben stets als der gl\u00e4nzende Gesch\u00e4ftsmann, der die Dinge in Bewegung setzen kann, zu gelten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so wurde f\u00fcr ein einzelangefertigtes gesamtes Fahrkartenvertriebssystem, das urspr\u00fcnglich mit \u20ac 17 Millionen externen Kosten budgetiert war, letztlich eine v\u00f6llig standardisierte Dienstleistung (Kreditkartenabrechnungen), die von vielen Anbietern auch im \u00f6sterreichischen Markt besser und billiger erbracht worden w\u00e4re, um Kosten von \u20ac 20 Millionen eingekauft.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">In einem Staat, der auf Ehrlichkeit, Kostenbewusstsein, Offenheit und Transparenz Wert legt, m\u00fcssten bei einer Auftragsvergabe wie jener der \u00d6BB an die Wirecard die Alarmglocken klingeln. Hier ist jeder Sinn f\u00fcr Proportionen verloren gegangen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Aber in \u00d6sterreich, wo 50% aller Ausgaben durch den Staat erfolgen, sind es alle gewohnt, dass v\u00f6llig sinnlos \u00fcberteuerte Leistungen ohne jeden Wettbewerb durch die staatlichen Wirtschaftsbetriebe eingekauft werden und dass dabei immer nur die G\u00fcnstlinge der jeweiligen Parteien oder ihrer eingesetzen F\u00fchrungsfiguren zum Zug kommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Und so wurde die Vergabe dieses Auftrags der \u00d6BB an die Wirecard nicht etwa durch interne Kontrollmechanismen des Staates aufgedeckt, durch die Innenrevision der \u00d6BB oder den Rechnungshof oder (Gott bewahre!) durch die WKStA, gegebenenfalls nach einer entsprechenden Anzeige durch das Verkehrsministerium.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Nein, \u00fcber die Tatsache dieser Vergabe erf\u00e4hrt die \u00d6ffentlichkeit wiederum nur \u00fcber den Umweg der bei Wirecard sichergestellten Emails und der dazu durchgef\u00fchrten Recherchen von ORF, Profil und Standard.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Verkehrsministerin hat angeblich Brigitte Ederer mit der Aufkl\u00e4rung dieser Vergabe beauftragt; das ist mein letzter Wissensstand dazu. Von einem Ergebnis (die Vorw\u00fcrfe wurden vor mehr als drei Jahren \u00f6ffentlich) ist mir nichts bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Was in jedem modernen westlichen Land eine Selbstverst\u00e4ndlichkeit sein sollte, n\u00e4mlich Misswirtschaft und Fehlschl\u00e4ge aufzukl\u00e4ren, um sie in Zukunft zu vermeiden oder abzustellen, ist in \u00d6sterreich die absolute Ausnahme.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Es gibt viele Gr\u00fcnde, warum \u00d6sterreich das bevorzugte Bet\u00e4tigungsfeld der ausl\u00e4ndischen Spione ist. Und diese Gr\u00fcnde sind praktisch deckungsgleich mit den Gr\u00fcnden, warum \u00d6sterreich auch das Traumland der korrupten Misswirtschaftler ist.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Fazit: Wir br\u00e4uchten eine spezialisierte Staatsanwaltschaft, die Korruption bek\u00e4mpft. Dringend.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Boden f\u00fcr Korruption ist in \u00d6sterreich besonders gut ged\u00fcngt.<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[81,82,103,84,85,102,104,101,83],"class_list":["post-175","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-korruptionskultur","tag-brigitte-ederer","tag-christian-kern","tag-der-standard","tag-jan-marsalek","tag-obb","tag-orf","tag-profil","tag-verkehrsministerium","tag-wirecard"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/175","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=175"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":178,"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions\/178"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=175"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.clausfischer.com\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}